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Stellungsnahme des Kinderkrankenhauses zum Impfen von Kindern und Jugendlichen gegen Covid-19

Landshut, den 07.06.2021

Liebe Eltern,

erfreulicherweise sind die Corona-Infektionszahlen in allen Bundesländern rückläufig, so dass die Einschränkungen zunehmend gelockert werden können.  Nach der Zulassung des Biontech-Pfizer Impfstoffs für Kinder ab dem 12. Lebensjahr stellt sich für viele Eltern die Frage, ob sie ihr Kind impfen lassen sollen. Die Vielzahl der Informationen und die zum Teil auch kontroversen Empfehlungen der offiziellen Stellen schaffen zusätzliche Unsicherheit.

Hier die aktuellen Fakten und meine persönliche Einschätzung:

Der Biontech-Pfizer-Impfstoff wurde von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA und von der europäischen Arzneimittelbehörde EMA ab dem 12. Lebensjahr zugelassen. Die ständige Impfkommission STIKO hat bisher keine generelle Empfehlung zur Impfung von Kindern zwischen 12. und 16. Lebensjahr abgegeben und wird dies wohl in absehbarer Zukunft auch nicht tun. Dies bedeutet umgekehrt aber nicht, dass die STIKO von der Impfung von Kindern ab dem 12. Lebensjahr abrät.

Wir haben hier also die klassische Situation einer Nutzen-Risiko-Abwägung.

Der Nutzen der Corona-Impfung bei älteren Menschen ist unbestritten, was sich ja auch in den ständig sinkenden Infektionszahlen widerspiegelt. Es ist sicher sinnvoll auch gesunde Erwachsene ohne Vorerkrankungen gegen Sars-Covid 19 zu impfen. Dies ist jetzt ja möglich, da die Priorisierung aufgehoben worden ist.

Bei Kindern ist die Situation etwas anders. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind schwer an Corona erkrankt oder gar stirbt, ist sehr gering, wenn auch nicht ausgeschlossen. Auch Covid 19-assoziierte Langzeitfolgen wie das sogenannte Long-Covid-Syndrom oder auch das gefürchtete PIMS-Syndrom, die sogar nach symptomlosen Infektionen auftreten können, sind selten.

Auf der anderen Seite stehen mögliche Risiken durch die Impfung:

Die Zulassungsstudie von Biontech-Pfizer ist wissenschaftlich sehr sorgfältig gemacht, enthält aber nur ca. 1000 Kinder, die die Impfung erhalten haben und das nur über eine Nachbeobachtungszeit von etwa zwei Monaten. Leider lassen sich daraus keinerlei Aussagen über mögliche Langzeit-Nebenwirkungen treffen.

Bei Meldungen aus Israel mit einzelnen Fällen von Myokarditis (Herzmuskel- oder Herzbeutelentzündung), vor allem bei jungen Männern, wurde zunächst ein Zusammenhang mit der Impfung als sehr unwahrscheinlich angesehen. Allerdings zeigen auch einzelne in den Vereinigten Staaten beobachtete Fälle von Myokarditis, dass es sich zumindest um ein „Signal“ handelt, dem nachgegangen werden muss. Allerdings wissen wir, dass auch das Sars-Covid 19 Virus per se das Herz befallen kann.

Meine persönliche Empfehlung ist:

Möglichst lückenlose Durchimpfung aller Erwachsenen und Jugendlichen ab 16 Jahren. Ganz klare Impfempfehlung bei Kindern ab 12 Jahren, die ein hohes Risiko für schweren Covid-Verlauf haben, also Kinder mit Vorerkrankungen wie Muskelerkrankungen, chronischen Lungenerkrankungen, schwerem, also Behandlungsbedürftigen Asthma bronchiale, Herzerkrankungen, massivem Übergewicht, etc.. Auch bei Kindern, bei denen das „Social distancing“ schwer durchführbar ist, sollte die Covid-Impfung ernsthaft diskutiert werden. Ein weiteres Argument für die Impfung von Kindern können besonders gefährdete Personen im Haushalt sein.

Gesunde Kinder von 12 bis 16 Jahren sollten nach meiner Überzeugung derzeit nicht generell geimpft werden. Dies ist auch gar nicht praktikabel, da es nicht genügend Impfstoff gibt. Die Bundesregierung empfiehlt zwar die Impfung ab 12 Jahre, hat aber dafür keine zusätzlichen Impfdosen bereitgestellt.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Corona-Impfung, obwohl der Impfstoff zugelassen ist, für Kinder zwischen 12. und 16. Lebensjahr sehr gut überlegt werden soll. Es gibt aus meiner Sicht klare Indikationen bei Kindern z.B. mit schweren Vorerkrankungen. Eine komplette Durchimpfung gesunder Kinder ist derzeit noch verfrüht.

Dies ist der Stand im Juni 2021. Ich hoffe, dass es in einigen Monaten bessere Daten gibt. Dann wird man die Empfehlungen selbstverständlich anpassen.

Alles Gute Ihrer ganzen Familie und mit freundlichen Grüßen

Ihr

Dr. med. Reinhard Herterich

Chefarzt
Kinderarzt – Kinderkardiologe
Neonatologe – Spez. Pädiatrische Intensivmedizin
DEGUM-2 Sonografie
Diabetologe

2021-06-09T10:07:59+02:00 9. Juni 2021|Aktuelles|